VIELSCHICHTIGE BEZUGSSYSTEME

Zu den Gemälden von Renate Herbst-Sturm und den Fundwerken von Rolf Sturm

Zum ersten Mal stellt in der Galerie art & arche ein Ehepaar aus, das parallel zu dem gemeinsamen Lebensweg gleichermaßen eine künstlerische Ent wicklung zu verzeichnen hat. Darüberhinaus baut sich aus den Objekten und Gemälden ein vielfältiges Geflecht inhaltlicher Bezüge auf. Rolf Sturm schafft durch die Verarbeitung von Fundstücken und ihre differenzierte Verflechtung miteinander zu Fundwerken ein historisches, zum Teil ethnologisches Bezugssystem, das von ironischer Kommentierung zeitgeschichtlicher Ereignisse bis hin zu mysthischen und metaphysischen Parabeln reicht. Aus der Dimension des historischen Hintergrundes und der bewußten Addition mitunter trivialer Er scheinungsformen entsteht ein Spannungsmoment, das vielfältige Assoziationen des Betrachters von Amüsiertheit bis hin zur Betroffenheit ermöglicht und zuläßt. Mitunter muß man jedoch hinter den von Ironie und Sarkasmus gekennzeichneten Arrange- ments auch Traurigkeit vermuten, -fassungslose Verachtung gegenüber der unveränderbaren Realität des Schicksals. Verblüffend ist die stets neue Herangehensweise an ein Objekt. Das Fundstück, d. h. das Material und seine Beschaffenheit, bestimmt die Vorgehensweise. So schützt sich Rolf Sturm, ganz seinem Ego entsprechend, vor serieller Fertigung, vor der Gefahr der vielleicht ökonomisch erfolgreichen Reproduktion bewährter Strukturen. Auf diese Art und Weise entsteht aber auch die Möglichkeit, aus dem scheinbaren Nichts Objekte zu schaffen, die etwas erzählen, wobei jedoch jeder Empfänger etwas anderes verstehen wird. So entwic kelt sich auch aus der Spontanität und Sprunghaftig keit, die der Persönlichkeitsstruktur des Künstlers entspricht, ein kreativer Prozeß, der das Leben des Künstlers bestimmt und den Entwicklungsvorgang zu

 
einem integralen Bestandteil des Alltags macht. Nur aus dem allgegenwärtigen, distanzlosen Leben mit den Fundstücken und aus der Auseinandersetzung mit Ihnen entstehen die Fundwerke. Klammheimlich, ohne es offenbar werden zu lassen, verfolgt er natürlich auch pädagogische Absichten: Sehen und Hören zu lernen, Kunst als Lern- und Lehrstück. Er ist in diesem selten positiven Sinne Pädagoge. Ein solcher artistischer " Rumpelstilz" benötigt unbedingt ein Gegengewicht, einen beruhigenden Background, vor dem er seine phantastischen Tänze aufführen kann. So stehen die Arbeiten seiner Frau, Renate Herbst- Sturm, kontrapunktisch im Spannungsfeld gegen seine Objekte. Der Rolf Sturm fremd gewordenen, klassischen Handwerklichkeit des Künstlers, die ihm eine lästige formale Fessel für die Inhaltlichkeit seiner Aussage ist, steht diese Qualität, die Ausgewogen- heit von Farbe und Proportionen, die Suche nach. formaler Geschlossenheit entgegen. . Der Kampf um die Vielfalt der Aussage und das gleichzeitig notwendige Bestreben nach Reduktion, um die Kraft dieser Aussage zu stärken, -farblicher Reichtum kommt nicht aus der Tube, -kennzeichnen ihre Arbeiten. So macht diese Ausstellung auch den Sinn, das , jeweilige künstlerische Produkt nicht nur für sich isoliert zu betrachten, sondern in Verbindung mit dem jeweiligen Individuum, das für das Produkt verantwortlich ist. Im Kontext mit einer gemeinsa- men Entwicklung werden Objekte geschaffen, die sich mühsam, aber gerne, -von Toleranz und Respekt geprägt, -ertragen. So unterschiedlich die Arbeiten sein mögen, sie brauchen einander wahrscheinlich wie die beiden Menschen, die sie geschaffen haben.
H.S
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Text und Bilder wurden aus dem Austellungskatalog entnommen
art & arche. Galerie im Schloß Wendhausen.
Hauptstraße 15 .38165 Wendhausen bei Braunschweig